Latenz2022 – 2088




Grenzen


Grenzziehung ist ein Akt der Fixierung, der Scheidung zwischen dem Einem und dem Anderen. Sobald der Strich gezogen, der Stein gesetzt ist, ist die Trennung eindeutig und beständig. Grenzen machen Unterschiede sichtbar.

Das ist zumindest die Intention jener, die Grenzen ziehen. Die versteckte Botschaft der Grenze ist doch eine andere: Grenzen sind kein Zeichen der Beständigkeit, sondern zeigen Veränderung.

Dieses Motiv wird in der Beziehung zwischen Mensch und Grenze deutlich und in der Frage: Wer beeinflusst wen? Der Mensch die Grenze oder umgekehrt? Nach außen ist es der Mensch, der die Grenzziehung bestimmt. Sie sind »Werke« des Menschen, »der sich vor seinesgleichen schützen will«, formuliert Lucien Fèbvre.  Der Mensch übt die Macht über die Grenze aus – damit ist sie nicht mehr statisch, sondern den menschlichen Launen unterworfen.

Gleichzeitig entfaltet die Grenze selbst auch eine Wirkung auf den Menschen. Hegel bemerkte: »Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist.« Alles definiert sich durch Abgrenzung. Wir können benennen, was es ist, denn wir wissen, was es nicht ist. Diese Abgrenzung nach außen hat nach innen einen homogenisierenden Effekt.    

Denn eine Grenzziehung ist nur dann eindeutig, wenn Unterschiede deutlich werden. Damit eint die Grenze ebenso wie sie spaltet.

Doch diese Spaltung ist keineswegs permanent. Verstanden als Scheidepunkt, teilt die Grenze das existente Eine von einem existenten Anderen, das nur erschlossen werden muss. Grenzen können überwunden werden. Und der Mensch, getrieben durch seine Neugierde und den Willen zur Fortentwicklung, kann nicht anders und muss die Grenzüberschreitung wagen.